|
Kieslers Projektionenein Film von Heinz EmigholzKGP - kranzelbinder gabriele production Kieslers Projektionen Dokumentation | 2008 | A,D | 50 min
Zum Projekt Photographie und jenseits
Photographie und jenseits ist der Titel einer Sammlung von etwa dreißigbisher fertiggestellten, in Arbeit befindlichen oder geplanten Filmen,die sich mit Produkten menschlicher Gestaltung befassen. Mit diesenProdukten sind künstlerische Projekte und Projektionsleistungengemeint, die als Schrift, Zeichnung, Fotografie, Architektur undSkulptur Wirklichkeit geworden sind und als solche unser Begreifen derWelt mitbestimmen.
Analysiert wird in dem modularen Filmprojekt der quasi umgedrehteSehvorgang, den Gestaltung auszeichnet - Sehen als Ausdruck, nicht alsEindruck. Das mensch-liche Auge und der Sehvorgang wird als eineSchnittstelle zwischen Gehirn und Aussenwelt verstanden, und dergestaltende Blick als eine kompositorische Kraft, die eine innereVorstellung nach Aussen projiziert oder durch Kinematografienachvollzieht.
Aus animierten Schriften und Zeichnungen und filmischen Studienvon Architekturen und Skulpturen bildet sich in den einzelnen Teilenund in der Gesamtschau der Filmserie etwas sonst nicht Beschreibbares:ein filmischer Ausdruck über die Objektivierung gedanklicherVorstellungen.
Die Serie Photographie und jenseits gliedert sich in verschiedeneUntergruppen von Filmen, die sich mit Architekturen, Schriften undZeichnungen, Skulpturen und Kon-struktionen erzählerischer Räumebefassen. Die Auswahl der gezeigten Phänomene folgt dabei nicht demKanon des bisher kulturell Sanktionierten. Sie widmet sich vielmehr deneher verschwiegenen Traditionen und Kontexten der Moderne. Die zum Teilschwer aufzufindenden stilbildenden Originalen werden den populärgewordenen Nachbildungen vorgezogen.
Die Filme der Serie zeigen Dokumente und dreidimensionale Gebilde.Die ausgewählten Phänomene sollen dabei in ihren räumlichen Beziehungenso realistisch wie möglich dokumentiert werden. Diese Aufgabe kann nurdurch die Benutzung der zur Zeit bestmöglichen Aufnahme- undWiedergabeverfahren für Bild und Ton gelöst werden. ProktionstechnischeBesonderheiten des Projektes sind durch diese Entscheidungvorbestimmt.
Es geht in der Serie Photographie und jenseits um ein Bewußtsein,das Räume und Orte selbst erzeugen können - jenseits ihrerFunktionalisierung oder Dramatisierung. Jeder Gedanke entspringt einemOrt, einer bestimmten Kreuzung von Ort und Zeit, die in einemfilmischen Bild gestaltet werden kann. Konzentrierte kinematografischeAufnahmen werden zum Medium der Existenz von Gedanken. Die technischeProjektion erlöst dabei von der verzweifelt eindeutigen Projektioneiner sprachlichen Interpretation. Der Gedankenraum kann durch einäusseres Medium betrachtet werden, er kann dadurch aber auch wie einÄusseres betrachtet werden. Diese technische Möglichkeit führt zu einemneuen Spiel mit Geschichte. Ein manipuliert eindeutiger Sinnverflüchtigt sich, die Geschichten verzweigen sich. Zugleich wird derStoff der Gestaltung selbst als eine objektive Materie vorgeführt. Dieprojizierten Bilder können wieder für sich selbst sprechen, sie sindnicht nur Illustrationen einer vorproduzierten Bedeutung.
Photographie und jenseits soll auf das ursprüngliche Wesen von Filmzurückgreifen, Räume und Objekte in bisher unübertroffener Form"realistisch" darstellen zu können. Die Serie wird auf35mm-Filmmaterial gefertigt und mit Dolby Stereo vertont ins Kinogebracht. Die bisherigen elektronischen Aufzeichnungssysteme würdensich aufgrund ihrer eingeschränkten Wiedergabequalität dem Sinn derSerie verschließen. Alle anderen jetzt oder zukünftig möglichenVerwertungen (TV- und DVD-Fassungen) lassen sich vom filmischenOriginalmaterial ableiten.
Erzählung, Raum, Projektion
In den ältesten Konzepte des Erzählens tauchen als Hilfsmittel für dieKonstruktion oder die Erinnerung langer Texte Bauwerke auf. GedachteArchitekturen, mentale Landschaften, die im Fortgang des Erzählensdurchschritten werden. Die Details dieser eingebildeten Bauwerke stehenfür einzelne Gedanken oder grammatikalische Wendungen. Die in derBewegung des Betrachters veränderten Blickwinkel konsti-tuieren dieDramaturgie der Erzählung. Ein erlernter und erinnerter Gang durchdiese Räume und an den Einrichtungsgegenständen entlang rufen imantiken Erzähler das Nacheinander der zu erzählenden Einzelheiten wach.Jeder Schritt in den imaginierten Raum hinein evoziert die Erinnerungan den nächsten Schritt und die an ihn geknüpften Sätze.
Tiefer als der zu erzählende Text liegt also im Gehirn desErzählers die imaginierte Landschaft, die diesen Text hervorruft. Alsnichtsprachlicher Urtext und Stellvertreter dient dabei das Bild einesRaumes als Medium für eine Erzählung. Es vertritt den Text, läßt diegewünschten Kopien der wortsprachlichen Erzählung von sich abziehen,macht ihn wiederholt abrufbar.
Die Fähigkeit des Gehirns, Körperliches und die Gestalt vonMaterie solider zu erinnern als den abstraktsprachlichen Ausdruckdarüber, wird in diesem Verfahren der Rhetorik in einem gedoppeltenSinne genutzt. Die äußeren Erscheinungen werden im Lernvorgang auf einWort oder eine sprachliche Wendung hin definiert und so als Chimäre imGedankenraum des Gehirns eindeutig funktionalisiert. Die Dingeverlieren in dieser Funktion ihre Kraft, für sich selbst zu sprechen.Sie entleeren sich eines eigenen Sinnes und dienen nur noch alsBildhülsen für Worte - für Worte oder Gedanken, die ohne dieseUmhüllungen allerdings für die Erinnerung verloren gegangen wären. DieSprache bindet sich so im Vorgang der Erinnerung scheinbar an Materie,um gleichzeitig über Materie zu triumphieren.
Wir erleben also in der Erzählkunst der Antike den Vorgang einerinneren Projektion. Bilder von Materie dienen ohne Rückbezug aufdieselbe der Aufrechterhaltung eines Erzählflusses, den es zu tradierengilt. Das zu erzählende Schicksal ist dabei vorgegeben, es wird nichtdurch neue Bilder beeinflußt. Es wiederholt sich und wird selber zueinem statischen Bild, das sich über den Umweg eines funktionalisiertenBildes reproduziert. Der antike Mensch erlebt sich in dieserWiederholung.
Film als technisches Medium projiziert die Räume der Erinnerungselbst und bereitet sie nicht nur vermittels eines Gehirntricks auf.Die Medien Schrift, Zeichnung, Fotogra-fie, Film, Bild- undDatenelektronik haben die komplexe Technik des Erinnerns in dieVerfügbarkeit technisch erzeugter Speichersysteme verlegt. Rudimentärist die antike Technik des Rhetors noch vorhanden in der Memorierarbeiteines Schauspielers oder Vortragenden. Der so erzeugte Text hat aberseine Autorität verloren. Der Schauspieler könnte ebensogut einensinngemäss entgegengesetzten Text aufsagen. Er könnte den antikenErzähler höchstens noch nachspielen, vom Sinn des Textes wäre er nichterfüllt.
Durch technische Bildprojektionen kann der Stoff der Erinnerungals "zweite Natur" betrachtet werden. Die innere Entscheidung zu dem sovorgeführten "Text" führt damit in ein Jenseits von Sprache - eineTatsache, die mancherorts als Verlust des Politischen beklagt wird, inWirklichkeit aber erst ein genaueres Erkennen ermöglicht.
Photographie und jenseits versucht eine Balance zwischen demschweigenden Erzählen der Dinge und den Behauptungen eines Erzählersüber einen bestimmten Verlauf von Zeit. Das Modell einesarchitektonisches Erinnerungsraumes wird vom Film übernommen - nichtals Vorstellungsbild, sondern als Realität.
Architektur als Autobiographie - Friedrich Kiesler (1890-1965)
Wirklichkeiten von Visionen. Regie: Heinz Emigholz Kamera: Heinz Emigholz Produktion: Gabriele Kranzelbinder, Alexander Dumreicher-Ivanceanu
Zum Projekt Photographie und jenseits
Photographie und jenseits ist der Titel einer Sammlung von etwa dreißigbisher fertiggestellten, in Arbeit befindlichen oder geplanten Filmen,die sich mit Produkten menschlicher Gestaltung befassen. Mit diesenProdukten sind künstlerische Projekte und Projektionsleistungengemeint, die als Schrift, Zeichnung, Fotografie, Architektur undSkulptur Wirklichkeit geworden sind und als solche unser Begreifen derWelt mitbestimmen.
Analysiert wird in dem modularen Filmprojekt der quasi umgedrehteSehvorgang, den Gestaltung auszeichnet - Sehen als Ausdruck, nicht alsEindruck. Das mensch-liche Auge und der Sehvorgang wird als eineSchnittstelle zwischen Gehirn und Aussenwelt verstanden, und dergestaltende Blick als eine kompositorische Kraft, die eine innereVorstellung nach Aussen projiziert oder durch Kinematografienachvollzieht.
Aus animierten Schriften und Zeichnungen und filmischen Studienvon Architekturen und Skulpturen bildet sich in den einzelnen Teilenund in der Gesamtschau der Filmserie etwas sonst nicht Beschreibbares:ein filmischer Ausdruck über die Objektivierung gedanklicherVorstellungen.
Die Serie Photographie und jenseits gliedert sich in verschiedeneUntergruppen von Filmen, die sich mit Architekturen, Schriften undZeichnungen, Skulpturen und Kon-struktionen erzählerischer Räumebefassen. Die Auswahl der gezeigten Phänomene folgt dabei nicht demKanon des bisher kulturell Sanktionierten. Sie widmet sich vielmehr deneher verschwiegenen Traditionen und Kontexten der Moderne. Die zum Teilschwer aufzufindenden stilbildenden Originalen werden den populärgewordenen Nachbildungen vorgezogen.
Die Filme der Serie zeigen Dokumente und dreidimensionale Gebilde.Die ausgewählten Phänomene sollen dabei in ihren räumlichen Beziehungenso realistisch wie möglich dokumentiert werden. Diese Aufgabe kann nurdurch die Benutzung der zur Zeit bestmöglichen Aufnahme- undWiedergabeverfahren für Bild und Ton gelöst werden. ProktionstechnischeBesonderheiten des Projektes sind durch diese Entscheidungvorbestimmt.
Es geht in der Serie Photographie und jenseits um ein Bewußtsein,das Räume und Orte selbst erzeugen können - jenseits ihrerFunktionalisierung oder Dramatisierung. Jeder Gedanke entspringt einemOrt, einer bestimmten Kreuzung von Ort und Zeit, die in einemfilmischen Bild gestaltet werden kann. Konzentrierte kinematografischeAufnahmen werden zum Medium der Existenz von Gedanken. Die technischeProjektion erlöst dabei von der verzweifelt eindeutigen Projektioneiner sprachlichen Interpretation. Der Gedankenraum kann durch einäusseres Medium betrachtet werden, er kann dadurch aber auch wie einÄusseres betrachtet werden. Diese technische Möglichkeit führt zu einemneuen Spiel mit Geschichte. Ein manipuliert eindeutiger Sinnverflüchtigt sich, die Geschichten verzweigen sich. Zugleich wird derStoff der Gestaltung selbst als eine objektive Materie vorgeführt. Dieprojizierten Bilder können wieder für sich selbst sprechen, sie sindnicht nur Illustrationen einer vorproduzierten Bedeutung.
Photographie und jenseits soll auf das ursprüngliche Wesen von Filmzurückgreifen, Räume und Objekte in bisher unübertroffener Form"realistisch" darstellen zu können. Die Serie wird auf35mm-Filmmaterial gefertigt und mit Dolby Stereo vertont ins Kinogebracht. Die bisherigen elektronischen Aufzeichnungssysteme würdensich aufgrund ihrer eingeschränkten Wiedergabequalität dem Sinn derSerie verschließen. Alle anderen jetzt oder zukünftig möglichenVerwertungen (TV- und DVD-Fassungen) lassen sich vom filmischenOriginalmaterial ableiten.
Erzählung, Raum, Projektion
In den ältesten Konzepte des Erzählens tauchen als Hilfsmittel für dieKonstruktion oder die Erinnerung langer Texte Bauwerke auf. GedachteArchitekturen, mentale Landschaften, die im Fortgang des Erzählensdurchschritten werden. Die Details dieser eingebildeten Bauwerke stehenfür einzelne Gedanken oder grammatikalische Wendungen. Die in derBewegung des Betrachters veränderten Blickwinkel konsti-tuieren dieDramaturgie der Erzählung. Ein erlernter und erinnerter Gang durchdiese Räume und an den Einrichtungsgegenständen entlang rufen imantiken Erzähler das Nacheinander der zu erzählenden Einzelheiten wach.Jeder Schritt in den imaginierten Raum hinein evoziert die Erinnerungan den nächsten Schritt und die an ihn geknüpften Sätze.
Tiefer als der zu erzählende Text liegt also im Gehirn desErzählers die imaginierte Landschaft, die diesen Text hervorruft. Alsnichtsprachlicher Urtext und Stellvertreter dient dabei das Bild einesRaumes als Medium für eine Erzählung. Es vertritt den Text, läßt diegewünschten Kopien der wortsprachlichen Erzählung von sich abziehen,macht ihn wiederholt abrufbar.
Die Fähigkeit des Gehirns, Körperliches und die Gestalt vonMaterie solider zu erinnern als den abstraktsprachlichen Ausdruckdarüber, wird in diesem Verfahren der Rhetorik in einem gedoppeltenSinne genutzt. Die äußeren Erscheinungen werden im Lernvorgang auf einWort oder eine sprachliche Wendung hin definiert und so als Chimäre imGedankenraum des Gehirns eindeutig funktionalisiert. Die Dingeverlieren in dieser Funktion ihre Kraft, für sich selbst zu sprechen.Sie entleeren sich eines eigenen Sinnes und dienen nur noch alsBildhülsen für Worte - für Worte oder Gedanken, die ohne dieseUmhüllungen allerdings für die Erinnerung verloren gegangen wären. DieSprache bindet sich so im Vorgang der Erinnerung scheinbar an Materie,um gleichzeitig über Materie zu triumphieren.
Wir erleben also in der Erzählkunst der Antike den Vorgang einerinneren Projektion. Bilder von Materie dienen ohne Rückbezug aufdieselbe der Aufrechterhaltung eines Erzählflusses, den es zu tradierengilt. Das zu erzählende Schicksal ist dabei vorgegeben, es wird nichtdurch neue Bilder beeinflußt. Es wiederholt sich und wird selber zueinem statischen Bild, das sich über den Umweg eines funktionalisiertenBildes reproduziert. Der antike Mensch erlebt sich in dieserWiederholung.
Film als technisches Medium projiziert die Räume der Erinnerungselbst und bereitet sie nicht nur vermittels eines Gehirntricks auf.Die Medien Schrift, Zeichnung, Fotogra-fie, Film, Bild- undDatenelektronik haben die komplexe Technik des Erinnerns in dieVerfügbarkeit technisch erzeugter Speichersysteme verlegt. Rudimentärist die antike Technik des Rhetors noch vorhanden in der Memorierarbeiteines Schauspielers oder Vortragenden. Der so erzeugte Text hat aberseine Autorität verloren. Der Schauspieler könnte ebensogut einensinngemäss entgegengesetzten Text aufsagen. Er könnte den antikenErzähler höchstens noch nachspielen, vom Sinn des Textes wäre er nichterfüllt.
Durch technische Bildprojektionen kann der Stoff der Erinnerungals "zweite Natur" betrachtet werden. Die innere Entscheidung zu dem sovorgeführten "Text" führt damit in ein Jenseits von Sprache - eineTatsache, die mancherorts als Verlust des Politischen beklagt wird, inWirklichkeit aber erst ein genaueres Erkennen ermöglicht.
Photographie und jenseits versucht eine Balance zwischen demschweigenden Erzählen der Dinge und den Behauptungen eines Erzählersüber einen bestimmten Verlauf von Zeit. Das Modell einesarchitektonisches Erinnerungsraumes wird vom Film übernommen - nichtals Vorstellungsbild, sondern als Realität.
|